Er hat mit Harvey Keitel das Straßenbild New Yorks filmisch geprägt. Er hat den Italo-Amerikanischen Gangsterfilm neu definiert. Und jetzt hat Martin Scorsese etwas geschafft, das ihm in über 50 Jahren Karriere selten passiert ist: Er hat eine Gewerkschaft gegen sich aufgebracht.
Am 2. Juni 2026 wurde bekannt, dass der Regisseur von Goodfellas und Killers of the Flower Moon als Berater und Partnerfigur für das deutsche KI-Startup Black Forest Labs fungiert – und sich öffentlich für den Einsatz von dessen generativem KI-Modell FLUX zur Storyboard-Erstellung in der Filmvorproduktion ausgesprochen hat. In einem Werbevideo, das Black Forest Labs veröffentlichte und das in Scorseses New Yorker Büro gedreht wurde. Er zeigt, wie er mit dem Programm Szenen für sein kommendes Spielfilm-Projekt What Happens at Night visualisiert – ein Drama über ein amerikanisches Ehepaar, das in eine kleine europäische Stadt reist, um ein Kind zu adoptieren, mit Leonardo DiCaprio und Jennifer Lawrence in den Hauptrollen.
„Kino ist ein junges Medium, nur rund 125 Jahre alt, also müssen wir offen sein, wie es sich entwickeln kann,“ sagte Scorsese in einem begleitenden Statement. Er beschreibt FLUX als Werkzeug, das ihm erlaubt, seine inneren Bilder „klarer und effizienter“ an Produktionsdesigner und Kamerateam weiterzugeben. „Während der Vorproduktion kostet Zeit Geld und das hat uns erlaubt, schneller zu werden, ohne Qualität oder Handwerk zu opfern.“
Die Art Directors Guild, IATSE Local 800, sah das fundamental anders.
Noch am selben Tag veröffentlichte die Gewerkschaft, die Storyboard-Künstler, Produktionsdesigner, Szenenbilder, Grafiker und Bühnenbildner vertritt, ein öffentliches Statement mit dem unmissverständlichen Betreff: „Mr. Scorsese, The Business is not in flux.“ – ein Wortspiel auf den Namen des KI-Modells.
„Martin Scorsese wendet sich von den menschlichen Künstlern ab, die im Laufe seiner Karriere dazu beigetragen haben, seine unvergesslichsten Werke zu schaffen,“ heißt es in der Erklärung. Die Partnerschaft sei „ein Verrat an der kollaborativen Natur des Kinos.“ Und weiter: Die durch FLUX erzeugten Ergebnisse seien nicht allein Scorseses kreative Vision – sie seien das Produkt eines Systems, das „höchstwahrscheinlich auf gestohlener Arbeit ebendieser Künstler“ aufgebaut sei.
Was die Debatte besonders scharf macht: Scorsese ist nicht irgendwer. Er ist ein erklärter Feind des Marvel-Kinos, ein lautstarker Verteidiger der Kinokultur gegen den Streaming-Massenkonsum. Wenn ausgerechnet er sich für KI-Vorproduktionswerkzeuge positioniert, verliert das Lager der KI-Skeptiker in Hollywood eine ihrer moralischen Autoritäten.
Die Verbindung zu Black Forest Labs wurde durch überschneidende Finanzinteressen geknüpft: BroadLight Capital, eine Investmentfirma, die von Rick Yorn, Scorseses langjährigem Manager, mitgegründet wurde, ist Investor bei Black Forest Labs. CAA-Mitgründer Michael Ovitz, ebenfalls Angel-Investor bei BFL, soll die Partnerschaft vermittelt haben.
Für die Branche der Short-Form- und Mikrodrama-Produktion ist dieser Streit weit mehr als eine Hollywood-Randnotiz. KI-gestützte Vorproduktionstools sind im Vertikalformat längst Realität – schon heute arbeiten kleinere Mikrodrama-Studios mit KI-Storyboards, da klassische Vorproduktionsbudgets dort schlicht nicht existieren. Wenn sich die Debatte um KI-Storyboarding nun auf der höchsten Prestige-Ebene des Kinos entfaltet, wird daraus ein Beschleuniger für eine Diskussion, die das gesamte Produktionsökosystem betrifft – auch in Europa.
Quellen: Martin Scorsese Supports AI Company, Using It to Storyboard Movies – Variety – Martin Scorsese Backs AI Company for Storyboard Use: ‚Creatively Freeing‘ – Hollywood Reporter – Martin Scorsese Joins Black Forest Labs as AI Adviser for New DiCaprio Film – Tech Times – Martin Scorsese × Black Forest Labs (offizielle Ankündigung)



