Ein Unternehmen aus der Ukraine hat sich zur sichtbarsten nichtasiatischen Kraft im globalen Microdrama-Geschäft entwickelt. Die Geschichte dahinter sagt mehr über die Zukunft des Formats aus als jede Wachstumsprognose.
Im Januar 2026 meldete Holywater eine Series-A-Finanzierungsrunde über rund 22 Millionen US-Dollar — geführt von Horizon Capital, mit strategischer Beteiligung von Endeavor Catalyst und Wheelhouse, dem Produktionsunternehmen des Reality-TV-Veteranen Brent Montgomery. Die Gründer Bogdan Nesvit und Anatolii Kasianov bezeichneten es als die bislang größte bestätigte Microdrama-Investition außerhalb Asiens. In einem Markt, der nach gängigen Schätzungen global rund 11 Milliarden US-Dollar umfasst, ist das ein Signal — auch wenn die Summe im Vergleich zu den großen asiatischen Playern überschaubar bleibt.
Die interessantere Geschichte ist, wo das alles begann.
Vom Self-Publishing zur Vertical-Plattform
Holywater wurde 2020 in Kyiv gegründet — zunächst als Plattform für digitale Bücher, auf der Hobby-Autor*innen ihre Werke veröffentlichen konnten. Die Idee dahinter war eine IP-Inkubation durch Community: Wer auf My Passion ein erfolgreiches Buch schreibt, liefert möglicherweise das nächste Skript für eine My-Drama-Produktion.
Bis Ende 2025 erreichten die Apps des Unternehmens nach eigenen Angaben mehr als 85 Millionen Installationen. Das erklärt auch, warum Holywater strukturell anders aufgestellt ist als manche Konkurrenten: keine großen Studio-Investoren im Hintergrund, die klassische Hollywood-Logik mitbringen, sondern eine ausgeprägte Startup- und Technologie-Mentalität. Und das zeigt sich in der Produktionsphilosophie.
Die Hollywood-Anbindung
Im Oktober 2025, wenige Monate vor der Finanzierungsrunde, gab Fox Entertainment bekannt, einen Eigenkapitalanteil an Holywater zu erwerben. Die Partnerschaft umfasst die Produktion von mehr als 200 Original-Vertical-Serien über zwei Jahre, dazu gemeinsame Werbevermarktung und Marken-Partnerships.
Anfang 2026 folgte ein weiterer Schritt: Fox Entertainment und Dhar Mann Studios kündigten eine mehrjährige Partnerschaft an, um zunächst 40 narrative Vertical-Titel exklusiv für My Drama zu produzieren. Dhar Mann ist auf YouTube einer der erfolgreichsten Creator-Produzenten und bringt eine fertige Fangemeinde mit.
Und im Februar 2026 der nächste sichtbare Schritt: Maksim Chmerkovskiy, bekannt aus Dancing with the Stars, übernahm die Hauptrolle in der Vertical-Serie Wild Silence auf My Drama, laut Holywater die erste US-Vertical-Serie mit einem Reality-TV-Star in einer Hauptrolle. Die Botschaft dahinter ist deutlich: My Drama will nicht als billiges Genre-Produkt wahrgenommen werden, sondern als Plattform, auf der Prominenz möglich ist.
KI als Produktionsstrategie
Parallel zur Finanzierungsrunde machte Holywater im Februar 2026 eine weitere Akquisition öffentlich: den Kauf von Jeynix, einem auf KI-gestützte Visual Effects spezialisierten Produktionsteam mit Sitz in Lissabon. Die Kapazitäten umfassen Gesichtsanimation, Face Replacement, De-Aging und Lip-Sync – Technologien, die es ermöglichen sollen, auf kleinen Budgets produzierte Serien hochwertiger aussehen zu lassen, und die eine schnelle Lokalisierung in mehrere Sprachen innerhalb weniger Tage erlauben.
Letzteres ist für eine globale Expansionsstrategie entscheidend. Wer Inhalte für den US-Markt produziert und sie dann binnen Tagen für den europäischen, lateinamerikanischen oder asiatischen Markt lokalisieren kann, hat einen Skalierungsvorteil gegenüber traditionellen Produktionshäusern. Die Umbenennung zu Holywater Tech ist insofern kein Zufall: Das Unternehmen versteht sich explizit als KI-first-Technologieunternehmen, das Entertainment produziert – nicht umgekehrt.
Was die Gründer sagen und was es bedeutet
Im Mai 2026 verteidigten Nesvit und Kasianov in einem Deadline-Interview das Format gegen anhaltende Skepsis. Nesvits Vergleich ist pointiert: Man habe früher gesagt, YouTube sei nur eine Plattform für Katzenvideos, oder Netflix werde sich nie durchsetzen. Auch Microdramas seien noch vor zwei Jahren als Modeerscheinung abgetan worden — und jetzt wollten die großen Hollywood-Studios mitmachen.
Der Vergleich hat eine Schwäche. YouTube und Netflix waren in ihrer frühen Phase plattformseitig disruptiv, aber inhaltlich breit. Microdrama-Apps wie My Drama sind inhaltlich eng – Romance, Thriller, Melodram und ihr Publikum ist demografisch konzentriert, überwiegend weiblich, überwiegend zwischen 25 und 45. Das ist eine loyale, gut monetarisierbare Zielgruppe. Aber es ist nicht selbstverständlich eine unbegrenzt skalierbare.
Meine Einschätzung: Die eigentliche Frage für Holywater ist nicht, ob das Format überlebt, das wird es. Die Frage ist, ob My Drama im US-Markt gegen die etablierten Größen wie ReelShort und DramaBox bestehen kann, oder ob sich eine profitable zweite Liga herausbildet, in der das Unternehmen komfortabel operiert. Beides wäre ein Erfolg. Aber es sind sehr unterschiedliche Erfolge.
Die europäische Dimension
Für InsideVerticals-Leser*innen ist die relevantere Frage eine andere: Was bedeutet Holywaters Aufstieg für Europa?
Zunächst das Offensichtliche. Mit Holywater gibt es erstmals ein nichtasiatisches, nichtamerikanisches Unternehmen, das im globalen Microdrama-Markt eine ernstzunehmende Rolle spielt, in der Ukraine gegründet, heute mit Hollywood-Anbindung und globaler IP-Pipeline. Das zeigt, dass der Markt nicht zwingend von einer Handvoll Plattformen aus China und den USA monopolisiert werden muss.
Was Holywater für Europa konkret anbietet, bleibt bislang dünn. Die Inhalte sind englischsprachig und US-zentriert. Eine öffentliche Strategie für deutschsprachige, französische oder spanische Produktionen ist nicht erkennbar. Die KI-Lokalisierungstechnologie von Jeynix ist der vielversprechendste Ansatz, aber ob und wann sie systematisch für europäische Märkte eingesetzt wird, ist offen.
Auch die Investorenstruktur ist aufschlussreich: Horizon Capital ist ein auf die Region fokussierter Private-Equity-Fonds, Endeavor und Wheelhouse sind US-Unterhaltungskapital. Europa taucht, ob als Investor oder als Produktionsmarkt kaum auf.
Wer in Europa am Microdrama-Markt teilhaben will, sollte diese Lücke nicht als Bedrohung lesen, sondern als Chance. Holywater hat bewiesen, dass man diesen Markt nicht zwingend aus China oder Los Angeles heraus aufbauen muss. Man muss es allerdings tun, bevor andere die Lücke füllen.
Quellen: The Hollywood Reporter, 15. Januar 2026 | Deadline: Holywater chiefs on investment, Disney & YouTube | Holywater Tech acquires Jeynix, THR | Variety: Fox Entertainment invests in Holywater | Wild Silence / Chmerkovskiy, Deadline
